Titelbild gezeichnet von Ute Meisenheimer

Das Buch des Löwen

Fragment

aufgezeichnet aus der erahnten Erinnerung

Roland Reber, 1992

als Taschenbuch und eBook, ca. 60 Seiten, Erscheinungstermin ca. März 2022

Eine Nacht im Jahr 1992. Roland Reber kann nicht schlafen. Etwas möchte zu Papier gebracht werden. Reber setzt sich an seinen Computer und lässt seinen Fingern – und seinen Gedanken – freien Lauf. „Das Buch des Löwen hat sich quasi selbst geschrieben.“, so Reber über sein Fragment. „Die Bedeutung – ob es überhaupt etwas bedeutet – liegt bei euch.“ (Roland Reber)

Auszüge aus dem Buch findet ihr weiter unten.

  1. Kapitel

Vers 1

Und als die Tage des Löwen zu Ende gingen, kamen die Monate des Lammes. Und man schlug die, die stark gewesen waren und man erhörte nur noch die, die gefolgt waren dem Metzger, der sie rief. Und ein großes Feuer wurde ausgetreten in der Nacht. Und die Dunkelheit wurde fast allmächtig. Zitternd standen nun die Lämmer da, und kein Hirte war sie zu führen. Und als es kalt wurde, in der feuerlosen Nacht, gingen sie eng zueinander, um sich Wärme zu geben und Trost. Doch es ging nur eine Kälte aus von ihren Leibern. So erfroren viele in diesen Monaten. Oder aber, wenn der Morgen kam, und sie zur Schlachtbank gerufen wurden, stellten sie sich auf in Reih und Glied und folgten ihrem Untergang. Das Messer lobten sie, bevor es sie stach. Und den Schlächter priesen sie in Liedern voller Klang, die tonlos verhallten in der endlosen Stille des Todes.

  1. Kapitel

Vers 2

An einem Morgen, der wie alle Morgen war, sprach der Taube zu dem Blinden: „Gefährte, den ich nicht hören kann, schreibe mir mit deinem Finger auf den Rücken, warum du mich mitnimmst auf deinem Marsch ins Nichts. Glaubt ich doch am Anfang, du seiest der Tod, so weiß ich doch jetzt, dass du nur blind bist und einsam auf deinem Weg.“ Nachdem der Bettler lange nachgedacht, antwortete er, indem er mit seinem Finger auf den Rücken schrieb: „Hoffe!“ Doch der Taube kannte das Wort nicht und schämte sich, es zu sagen.

  1. Kapitel

Vers 4

Und so kam wieder eine große Sprachlosigkeit über die Menschen. Der Worte kundig, gebrauchte sie doch niemand mehr. Denn zu gefährlich war es, sie zu nutzen. Und tagelang überlegte der Vater, was er sagen solle seinem Kinde. Und tagelang überlegte die Frau, was anzuvertrauen wollte sie ihrem Mann. Denn wenn die Worte falsch gewählt oder falsch verstanden, dann drohte blut’ge Folter dem Sprechenden. Und selbst die Kinder spielten nicht mehr, konnte doch der Abzählreim, den sie benutzten, ein Wort enthalten, das erregte der Priester Ungemach.

Vers 5

Aber an wolkenverhangenen Tagen, wenn der Abend sich nahte, konnte man auf einem kahlen Hügel manchmal eine Gestalt erahnen. Und die Gestalt hatte die Umrisse eines kleinen Tiers, das vielleicht nur ein vom Wind geformter Felsen war. Oder aber es war ein junger Löwe, der sein noch keimendes Haupthaar in den Wind hielt und aufriss sein Maul. Noch kam kein Schrei unbändiger Lust aus seiner Kehle, noch jagte heißes Begehren nicht durch die Luft und keine Hoffnung wurd’ vom Wind getragen in der Menschen erkaltetes Herz. Nur ein Wort, das nicht verboten, machte schnell den Weg von Mensch zu Mensch. Und dieses mächtige, zukunftsschwangere, erflehte und erlebte Wort hieß: NOCH.